Mein letzter Artikel „Vielleicht ist KI gar nicht so unnatürlich. Vielleicht ist es die Art, wie wir arbeiten.“ endete mit der Frage, welche Art von Arbeit wir durch KI zurückgewinnen wollen.
Seitdem ist mir klar geworden: Bevor ich darüber weiter nachdenken kann, muss ich einen Schritt zurückgehen.
Bekommen wir durch KI wirklich Zeit zurück, die wir anders nutzen können als bisher?
Eine mögliche Antwort darauf finde ich gerade in meinem eigenen Arbeitsalltag.
Ein Teil meiner Arbeit besteht darin, webbasierte Trainings zu entwickeln, die Teilnehmende an ihrem Computer absolvieren. Die Basis dafür ist häufig eine Produktpräsentation: viele Fakten und Stichpunkte, aber noch kein Text, mit dem Menschen gut lernen können.
Meine Aufgabe ist es dann, die Informationen so zu strukturieren und verständlich zu erklären, dass daraus ein sinnvolles Training entsteht.
Das konnte ich schon vor KI ziemlich gut. Es hat aber ziemlich lange gedauert.
Bis aus einer Folie mit vielen Stichpunkten ein verständlicher Text wird, kann man erstaunlich viel Zeit mit einzelnen Formulierungen verbringen. Zumindest kann ich das sehr ausdauernd.
Heute unterstützt mich die KI dabei. Sie hilft mir, Informationen schneller in Texte zu übertragen, eine Grobstruktur zu füllen und meine Rechtschreibfehler zu korrigieren.
Natürlich entsteht dadurch nicht automatisch ein gutes Training. Ich muss weiterhin beurteilen, ob ein Text verständlich ist, ob die Struktur funktioniert und ob das Ergebnis wirklich zum Lernen geeignet ist.
Darüber habe ich bereits im ersten Artikel geschrieben. Diesmal interessiert mich etwas anderes:
Was passiert eigentlich mit der Zeit, die ich dadurch einspare?
Die reine Produktionszeit für so ein webbasiertes Training ist bei mir von mehreren Wochen auf ungefähr eine Woche gesunken.
Das bedeutet nicht, dass ein komplettes Training nach einer Kalenderwoche fertig ist. Ich mache ja noch ein paar andere Dinge. Aber die Zeit, die ich tatsächlich für die Produktion brauche, hat sich deutlich verkürzt.
Eigentlich eine enorme Entlastung.
Nur habe ich jetzt nicht mehrere Wochen mehr Zeit.
Was ich habe, sind vor allem mehr webbasierte Trainings in der Pipeline.

Allerdings hat sich niemand hingestellt und verkündet, dass ich ab sofort mehr produzieren muss. Es ist viel unscheinbarer passiert.
Ich habe gemerkt, dass ich schneller geworden bin. Dadurch konnte ich mehr übernehmen. Und weil ich gezeigt habe, dass ich mehr produzieren kann, ist daraus nach und nach ein neuer Maßstab geworden.
Mindestens bei mir selbst.
Aus einer neuen Möglichkeit wurde also ziemlich schnell eine neue Erwartung.
Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Die Qualität der Trainings ist weiterhin hoch und mehr Trainings bedeuten auch, dass mehr Lernangebote zur Verfügung stehen.
Außerdem hilft mir die KI nicht nur dabei, mehr Texte zu produzieren.
Bei Excel-Problemen hat mir die KI beispielsweise Lösungen gezeigt, für die ich sonst die Hilfe von jemandem mit deutlich mehr Fachwissen gebraucht hätte. Dadurch konnte ich Probleme schneller selbst lösen und damit auch anderen schneller weiterhelfen.
Das ist ein echter Gewinn.
Ich möchte deshalb auch nicht zurück zu der Zeit, in der ich für jeden Text deutlich länger gebraucht oder bei technischen Problemen auf Unterstützung gewartet habe.
Trotzdem stolpere ich über einen Punkt:
Gesparte Zeit ist offenbar noch lange keine zurückgewonnene Zeit.
Die Zeit wäre da. Sie hat nur schon wieder eine neue Aufgabe.
Wenn jede eingesparte Minute sofort mit neuen Aufgaben gefüllt wird, verändert KI zwar unser Tempo. Aber nicht unbedingt die Art unserer Arbeit.
Ich möchte nicht unbedingt weniger arbeiten.
Ich würde den gewonnenen Raum nur gerne stärker für die Arbeit nutzen, die mir besonders wichtig ist.
Vielleicht für den Austausch mit anderen und für Ideen, die erst entstehen, wenn man gemeinsam darüber nachdenkt. Gerne auch mit Unterstützung von KI.
Aber nicht nur, um noch mehr von dem zu machen, was ich ohnehin schon mache.
Vielleicht sollten wir den Nutzen von KI deshalb nicht nur daran messen, wie viel mehr wir mit ihrer Hilfe schaffen.
Sondern auch daran, was durch sie wieder mehr Raum bekommen könnte.
Wenn KI uns bei immer mehr Aufgaben schneller macht: Kann dann die Arbeit mit Menschen wieder mehr Raum bekommen?
Bis ganz bald
Dein Stevie