Mein letzter Artikel „Verlernen wir durch KI das Denken?“ endete mit einer Frage:

Ist KI wirklich das Unnatürliche an unserer Arbeitswelt? Oder müssen wir dafür noch ein ganzes Stück weiter zurückschauen?

Seitdem lässt mich dieser Gedanke nicht los.

Uns Menschen gibt es ja schon etwas länger. Den Homo sapiens gibt es seit ungefähr 300.000 Jahren. Aber ehrlich gesagt kann ich mit einer Zahl wie 300.000 nicht besonders viel anfangen. Sie ist einfach zu groß, um wirklich ein Gefühl dafür zu bekommen.

Also habe ich versucht, die Zeit für mich etwas greifbarer zu machen: Was wäre, wenn wir diese 300.000 Jahre auf ein einziges Kalenderjahr verteilen?

Am 1. Januar tauchen wir auf. Die Landwirtschaft beginnt dann erst Mitte Dezember. Fast das gesamte Jahr leben wir also vom Jagen und Sammeln.

Die Industrialisierung beginnt am Nachmittag des 31. Dezember. Die Arbeit, die viele von uns heute im Büro machen, kommt in den letzten ein bis zwei Stunden dazu.

Und KI? Ein paar Minuten vor Mitternacht.

Sehr grob auf ein Kalenderjahr heruntergerechnet. Bitte nicht als Spickzettel für die nächste Geschichtsklausur verwenden.

Als ich das so vor mir gesehen habe, ist mir erst richtig klar geworden, wie neu vieles von dem ist, was wir heute für ganz normale Arbeit halten.

Die meiste Zeit, die es uns auf der Erde gibt, haben wir Menschen gesammelt, gejagt, gebaut, Dinge hergestellt, Nahrung zubereitet und füreinander gesorgt.

Viele dieser Tätigkeiten hatten etwas gemeinsam: Bewegung war kein Ausgleich nach der Arbeit, sondern ein Teil davon. Vieles geschah gemeinsam mit anderen. Und meistens konnten die Menschen ziemlich direkt sehen, was sie geschafft hatten. Etwas wurde gebaut, repariert, geerntet oder zubereitet.

Das klingt natürlich etwas romantischer, als es vermutlich war. Die Arbeit war sicherlich auch oft körperlich hart und gefährlich. Ich möchte meinen Laptop jedenfalls nicht gegen einen täglichen Überlebenskampf eintauschen.

Mit der Industrialisierung verändert sich dann vor allem, WIE wir arbeiten.

In den Fabriken richtete sich die Arbeit immer stärker nach den Maschinen. Dafür wurde sie in kleinere Schritte aufgeteilt, und die Abläufe sollten möglichst immer gleich funktionieren.

Und die Uhr gab stärker vor, wann die Arbeit begann, wann Pause war und wann sie endete.

So konnte schneller und in größeren Mengen produziert werden. Gleichzeitig sah jemand, der nur noch einen einzelnen Arbeitsschritt erledigte, vielleicht gar nicht mehr, was am Ende daraus entstand.

Heute verbringe ich einen großen Teil meines Arbeitstags vor einem Bildschirm.

Ich bearbeite Dinge, die ich nicht anfassen kann, springe zwischen Nachrichten, Konzepten und Teams-Calls und sehe das Ergebnis meiner Arbeit häufig erst deutlich später.

Ich merke das auch ganz banal an meinem Rücken: Weil ich bei der Arbeit so viel sitze, muss ich abends ins Fitnessstudio und gezielt trainieren, um meine Rückenschmerzen in den Griff zu bekommen.

Das ist nur ein kleines Beispiel. Aber etwas daran finde ich schon merkwürdig: Wir gleichen in unserer Freizeit aus, was uns eine völlig normale Arbeitswoche abverlangt.

Vielleicht beginnt das Unnatürliche also gar nicht mit KI. Vielleicht fällt uns durch KI nur stärker auf, wie merkwürdig manches an unserer Arbeit längst geworden ist.

Bei mir spart KI genau bei den Tätigkeiten Zeit, die mich sonst lange an den Bildschirm binden: Informationen recherchieren, Texte übersetzen oder aus ersten Gedanken ein Konzept entwickeln.

Sollte ich also noch mehr meiner Arbeit an eine KI abgeben?

Ganz so einfach ist es vermutlich nicht. Denn vielleicht entsteht ein Teil meiner Erfahrung auch genau dadurch, dass ich mich durch manche Aufgaben selbst durcharbeite.

Aber wenn sie mir einen Teil dieser Arbeit abnimmt, könnte ich mehr Zeit gewinnen, um mich zu bewegen, Menschen direkt zu begegnen und Dinge mit anderen gemeinsam zu tun.

KI könnte mir also dabei helfen meine Arbeit etwas menschlicher zu machen.

Könnte.

Ich kann die gewonnene Zeit genauso gut nutzen, um noch mehr Konzepte, Präsentationen und Nachrichten in denselben Tag zu pressen.

Ich merke deshalb: KI macht meine Arbeit nicht automatisch menschlicher. Sie schafft dafür höchstens die Möglichkeit.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur fragen, welche Arbeit KI uns abnehmen kann.

Sondern auch, welche Art von Arbeit wir dadurch zurückgewinnen wollen.

Bis ganz bald
Dein Stevie