Vor ein paar Tagen bin ich auf LinkedIn bei Laura Lewandowski auf einen Beitrag gestoßen, der bei mir hängen geblieben ist. Lauras These war ungefähr diese:
Denken könnte irgendwann das werden, was Krafttraining heute schon ist.
Früher mussten Menschen ihren Körper benutzen. Heute sitzen viele von uns den größten Teil des Tages und gehen anschließend ins Fitnessstudio, um dort bewusst etwas zu tun, das in unserem Alltag kaum noch vorkommt.
Könnte uns mit dem Denken gerade etwas Ähnliches passieren?

Ich finde die Analogie stark. Und gleichzeitig habe ich mich gefragt, ob darin nicht noch ein größerer Gedanke steckt.
Wenn ich heute etwas nicht weiß, muss ich dieses Nichtwissen kaum noch aushalten. Ich kann den MS Copilot oder ChatGPT fragen und habe wenige Sekunden später eine Antwort.
Ich muss nicht lange recherchieren, Informationen mühsam zusammensuchen und manchmal auch nicht besonders lange mit einem Problem ringen. Natürlich besteht dabei die Gefahr, dass wir etwas verlieren.
Aber ich frage mich: Ist jede geistige Anstrengung, die KI uns abnimmt, automatisch eine Anstrengung, die wir erhalten sollten?
Ich merke das sehr konkret bei meiner eigenen Arbeit.
Wenn ich einen Vortrag oder ein Training vorbereite, kann ich viele Stunden damit verbringen, Informationen zusammenzutragen, eine Struktur zu entwickeln, Formulierungen auszuprobieren und Inhalte immer wieder neu anzuordnen.
Oder ich mache Teile davon gemeinsam mit einer KI.
Das funktioniert bei mir allerdings nicht deshalb, weil die KI mich als Trainer ersetzen kann. Es funktioniert, weil ich seit Jahren Trainings entwickle und durchführe.
Ich merke ziemlich schnell, wenn eine vorgeschlagene Übung nicht funktionieren wird. Wenn eine Dramaturgie nicht passt oder etwas theoretisch gut klingt, aber mit echten Menschen in einem Raum vermutlich scheitert.
Meine Erfahrung wird durch KI also nicht überflüssig. Im Gegenteil: Ich brauche sie, um beurteilen zu können, was mir die KI liefert.
Was sich verändert, ist etwas anderes: Ich komme schneller von einem ersten Gedanken zu einem brauchbaren Konzept.
Und genau da wird es für mich interessant. Denn der Teil meiner Arbeit, der für mich wirklich den Unterschied macht, beginnt häufig erst danach: Wenn ich mit Menschen in einem Raum bin.

Die KI ist nicht mit mir im Raum, wenn ich ein Training mache.
Wenn ich merke, dass jemand bei einem Thema hängen bleibt oder sich plötzlich ein Gespräch entwickelt, das ich vorher nicht geplant hatte.
Wenn ich eine Folie oder sogar ein ganzes Thema überspringe, weil gerade etwas anderes wichtiger ist. Wenn jemand eine persönliche Erfahrung erzählt und ich entscheiden muss, ob wir dort bleiben oder weitergehen.
Das kann ich vorher nicht konzipieren.
Dafür brauche ich Aufmerksamkeit, Erfahrung und Wahrnehmung. Und vor allem muss ich in diesem Moment wirklich bei den Menschen sein, die vor mir sitzen.
Ich frage mich, ob wir bei der Diskussion darüber, was KI uns abnimmt, unterschiedliche Formen von Denken zu schnell in einen Topf werfen.
Informationen zusammentragen ist Denken. Ein Konzept entwickeln ist Denken.
Aber einem Menschen wirklich zuzuhören ist ebenfalls Denken. Eine Situation einzuschätzen, Erfahrungen auf einen neuen Moment zu übertragen oder zu merken, dass der ursprüngliche Plan gerade nicht mehr passt und etwas anderes zu tun, ist auch Denken.
Vielleicht nimmt KI uns also nicht einfach Denken ab.
Vielleicht verändert sie, wofür wir unser Denken und unsere Aufmerksamkeit einsetzen können.
Das bedeutet für mich ausdrücklich nicht, dass wir jede geistige Anstrengung an Maschinen auslagern sollten.
Wenn ich niemals selbst gelernt hätte, Trainings zu konzipieren, könnte ich heute auch nicht beurteilen, was mir die KI vorschlägt. Bestimmte Anstrengungen brauchen wir, weil durch sie Erfahrung, Kompetenz und Urteilskraft entstehen.
Andere Anstrengungen machen wir vielleicht vor allem deshalb, weil es bisher keine bessere Möglichkeit gab.
Und genau diese Unterscheidung finde ich spannend.
Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb gar nicht:
Wie verhindern wir, dass KI uns das Denken abnimmt?
Sondern:
Welche Art von Denken wollen wir unbedingt behalten und wofür möchten wir unsere menschliche Aufmerksamkeit eigentlich einsetzen?
Darüber möchte ich in den nächsten Wochen hier weiter nachdenken.
Denn je länger ich mich damit beschäftige, desto stärker frage ich mich, ob KI tatsächlich das Unnatürliche an unserer heutigen Arbeitswelt ist.
Oder ob wir dafür noch ein ganzes Stück weiter zurückschauen müssen.
Dein Stevie